Nach zwei Tagen in Novi Sad bekommt man langsam einen Blick fuer die Brueche im Stadtbild und die Wichtigkeit, die das Festival fuer die zweitgroesste Stadt Serbiens hat. Im Gegensatz zum ungeliebten Nachbarn Kroatien verfuegt Serbien ueber keinen Zugang zur Kueste. Entsprechend schwierig ist es Touristen ins Land zu locken.
Zumal Serbien eines der wenigen europaeischen Laender ist, fuer die man zwingend einen Reisepass braucht. Da tut es gut, wenn die Stadt wenigstens einmal im Jahr fuer vier Tage zum Reiseziel von mehr als 15.000 Englaendern wird. Noch nie habe ich so eine innige Beziehung zwischen Stadt, Bevoelkerung und Festival gesehen. Normalerweise sind Festivals eher eine Attraktion fuer ansonsten unbedeutende Weiler auf dem Land. Wer wuerde ernsthaft einen Besuch in Scheessel, Wacken oder Neuhausen ob Eck in Betracht ziehen. Neben der zentralen Lage, die Musik der Main Stage laesst sich selbst im 20 Gehminuten entfernten Hotel prima hoeren, hat es den Anschein, dass wirklich jeder Bewohner von Novi Sad versucht, am Festival zu partizipieren. Den Weg zum Festival saeumen zahllose Staende, an denen man sich mit kuehlen Getraenken und fettig Gegrilltem eindecken kann. Die Preise sind vergleichsweise laecherlich, trotzdem hat man immer ein schlechtes Gewissen, wenn man an den Staenden vorbeiflaniert und nichts kauft.
Knappe zehn Jahre ist es her, dass die Nato Serbien aus der Luft bombardiert hat, Novi Sad gehoerte auch zu den Zielen. Alle Bruecken wurden zerstoert, die Donau fuer Schiffe erst vor wenigen Jahren wieder passierbar. Als stumme Zeugen des Krieges ragen aus dem Wasser der Donau drei ehemalige Brueckenpfeiler in die Luft. Gleich daneben liegen die Reste einer Schwimmbruecke.
Da tritt die Musik fast ein wenig in den Hintergrund, dabei wird Tag zwei kaum mehr zu toppen sein. Denkwuerdige Performances bleiben in Erinnerung. The Gossip eroeffneen die Nacht, Beth Ditto scheint noch etwas runder geworden zu sein, und ist genauso gespannt auf den Auftritt von Primal Scream wie grosse Teile des Publikums. Wie immer bei Festivalauftritten von The Gossip wartet alles auf “Standing in the Way of Control”, obwohl Beth Ditto bei langsameren Stuecken ihre Ausnahmestimme viel besser zur Geltung bringen kann.
Im Anschluss sorgt der “Modfather” Paul Weller mit seinem 90-minuetigen Set fuer Verstimmung. Der grauhaarige Obermod hat soviel Spass bei seinem Auftritt, dass er die Zeit vergisst und mehr oder weniger mit Gewalt von der Buehne gezerrt werden muss. Pech fuer Primal Scream, denen dadurch die Chance genommen wird, ihre High-Energy-Perfomance mit einer Zugabe zu veredeln. Trotzdem ist der Gig von Gillespie, Manny und Co der Hoehepunkt des Abend. Kein Hit fehlt, die Band spielt perfekt zusammen und Bobby Gillespie tut das, was er tun muss: er gibt die schnoddrige Version von Mick Jagger.
Fuer Soulwax wird es hoechste Zeit, ins Studio zu gehen und ein neues Album einzuspielen. Die tausendste Auffuehrung der “Nite Versions” ist zwar keine langweilige, aber das stete Bemuehen der Dewaeles wie LCD Soundsystem zu klingen, nervt auf Dauer doch etwas. Im Anschluss bekommen Skream und Benga, die back to back auf der main Stage auflegen, vorgefuehrt, dass Dubstep durchaus das Potential hat, Massen zu bewegen. Mehrere tausend Dubheads lassen sich von den maechtigen Baessen ihr Bauchfell streicheln. Dickes Ding der beiden feixenden Youngster!
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